Friesische

Mythen

Das Spukschiff von Emden

In der Kaufmannsstadt Emden geht bei schweren Stürmen rastlos ein Geist um und klagt. Es ist der Hafenschließer Steenhuus, ein Mann aus einer Zeit der Stadt, da sie größer als Amsterdam und London war. Steenhuus hat sich damals eines der schlimmsten Vergehen schuldig gemacht, das Seeleute kennen: Er ist den Seinen nicht zu Hilfe gekommen, als sie in Not waren. Dafür muss er sich in jeder Sturmnacht aus dem Grab erheben, bis er einst Gelegenheit haben wird, seine Sünde wiedergutzumachen. Aber wer gehorcht einem Gespenst?

Jener Hafenschließer hatte nämlich einen erbitterten Streit mit dem Ostindienfahrer Giesbert gehabt. Sein Sohn hatte auf dem Schiff des anderen Dienst genommen – Giesberts Tochter trug wohl Schuld daran. Der junge Steenhuus hatte aber ohne Erlaubnis des Vaters angeheuert, und der hat den beiden, seinem Sohn und dem Kapitän, zugeschworen, sie würden von der nächsten Reise nicht heimkehren, Gott und er selbst würden dafür sorgen.

Aber es schien, als hörte der Herr nicht auf ihn. Die Zeit verging, fast ein Jahr war Giesberts Schiff draußen gewesen. Endlich, an einem Spätabend, wurde dem Hafenschließer ein von See aufkreuzendes großes Fahrzeug gemeldet, das erwies sich beim Näherkommen als der Östindienfahrer seines Feindes. Steenhuus fluchte, dass alle seine Ankündigungen nicht eingetroffen waren. Dann schrie er bei seiner Seligkeit, noch se‘ das Schiff nicht im Hafen, und wenn Gott nicht auf ihn höre, werde der Teufel ein gerechterer Richter sein und für die Erfüllung seiner Wünsche sorgen. Gleich nach den Worten ballte sich ein Unwetter über der See zusammen. Und eben bevor der Segler den Hafeneingang von Emder gewonnen hatte, brach ein Sturm los, der den Ostindienfahrer in det Dollart hinaustrieb; dort geriet er in den Wirbel einer Fallbö, wurde von unbekannten Kräften aufgehoben und jäh in die Tiefe gedrückt.

Die Emdener auf dem Hafendamm schrien laut, sie verlangten, dass Steenhuus das Rettungsboot, die „Barge“, hinausschickte. Aber er sagte, das dürfe er nicht, keiner der Ruderer der „Barge“ würde wiederkehren. Und der Kapitän, der draußen mit seiner Mannschaft unterginge, verdiene sein Schicksal. Der Hass, der Steenhuus beseelte, war größer als Furcht und Pflicht.

Der Hass dauerte auch über das Leben hinaus. Oft, wenn in der Nacht ein Sturm aus Nordwest über Emden dahinzieht, taucht das Schiff des Kapitäns Giesbert aus der Dunkelheit auf; es ist jetzt sehr alt und fahl, und wo es daher segelt, bleibt ein bläulicher Lichtschimmer auf der See. Immer sieht man dann auch Steenhuusens Totengesicht wie einen Mond auf der Hafenmauer von Emden. Aber noch hat er nicht Befehl gegeben, die „Barge“ auszusenden.

Quelle & © [Hans Friedrich Blunck, Nordseesagen, Loewes Verlag, Bayreuth 1982]